Meine Bank, mein Schloss, mein Modell

Autor: Unbekannt                                                                                                                                                    Gefunden von Heike Ritter

Wieder eine Episode aus den Schmunzelgeschichten „Aber bitte mit Marmelade“ aus dem Verlag an der Ruhr

 

 

 

 

Heinz und Thomas begegnen sich beim Klassentreffen. „Und? Wie geht´s?“ Thomas boxt seinem Schulkameraden gegen die Schulter. Heinz schweigt kurz, ehe er antwortet: „Es geht. Und bei dir?“ „Alles bestens!“, meint Thomas. Keiner sagt etwas. Thomas dreht sich um, außer ihm und Heinz ist bisher keiner da. “Immer noch so gut in Mathe wie früher?“, fragt Thomas schließlich, „Mathe verlernt man nicht!“, findet Heinz. „Das sagst du! Ohne dich wäre ich mit Glanz und Gloria durchs Abi gefallen“, gibt Thomas zu. „Ich weiß“, ist alles was Thomas von sich gibt.

 

Schweigend hält sich Heinz an seinem Bierglas und Thomas an seinem Weinkelch fest.

 

„Und? Was machst du so?“ Thomas kann die Stille kaum ertragen. Außerdem will er endlich erzählen, was er erreicht hat. Heinz lacht. „Mathe, was dachtest du denn?“

 

„Echt? Bist du Professor oder so?“ Thomas versucht Heinz aus der Reserve zu locken, um dann das Gespräch auf sich zu bringen. „Finanzamt!“, erklärt Heinz knapp. „Mein Gott!“ Thomas schlägt sich die Hand vor den Mund. „Tut mir leid, das ist mir so rausgerutscht. Das Finanzamt ist wichtig. Keine Frage.“ Er hebt an um damit anzugeben, dass er sich von seinen Steuern locker eine Yacht leisten könnte. Aber das passt nicht mehr zu Heinz Bemerkung: „Ist schon gut. So reagieren alle, wenn ich erzähle, dass ich beim Finanzamt bin. Deshalb verschweige ich das meist.“

 

„Verschweigen, verschweigen…“ wiederholt Thomas die Worte in Gedanken. Er überlegt fieberhaft, wie er die Brücke zu seinem Job schlagen kann. „Wieso fragt dieser dämliche Heinz nicht danach?“ ärgert er sich.

 

„Aber die Arbeit im Finanzamt ist gut.“ Heinz ist plötzlich wie ausgewechselt. Er hört nicht auf, von seinen Aufgaben in der Finanzbehörde zu erzählen. Thomas schwirrt der Kopf. Steuerabschreibung, Körperschaftssteuer, Datenschutz, das sind keine Themen für ein Klassentreffen. „Bist du verheiratet?“, platzt Thomas mitten in Heinz‘ Monolog. Vielleicht kann er da seine Eroberung unterbringen. „Klar!!“ antwortet Heinz. „Meine Frau ist auch im Finanzamt. Ich A bis F, sie G bis K. Das ergänzt sich prima. Wir brauchen die Fachliteratur nur einmal zu kaufen, wobei wir die ja sowieso absetzen können. Aber wir können zusammen auf Fortbildungen. Wenn neue Gesetze rauskommen…“

 

Thomas muss sich zwingen, nicht die Finger in die Ohren zu stecken. „Was bildet sich dieser Typ eigentlich ein?“, denkt sich Thomas. „Bloß, weil er mich im Abi hat abschreiben lassen, muss er mich jetzt nicht mit seinem dämlichen Finanzamtsmist behelligen.“

 

„Interessiert dich eigentlich nicht, was ich so mache?“ Inzwischen ist Thomas gleichgültig, ob das peinlich wirkt oder nicht. Er will seinen Spruch loswerden!

 

„Natürlich, aber du erzählst ja nichts“, meint Heinz. Die kurze Pause nach dem Satz nutzt Thomas: „Weißt du, Heinz“, sagt er und setzt ein überhebliches Lächeln auf. „Ich habe eine Bank, ein Schloss und wenn ich nach Hause komme, erwartet mich ein Modell.“ Thomas ärgert sich, dass er nicht wie in der Werbung Fotos dabeihat: ein Foto vom Bankhaus, von dem hübschen kleinen Schloss am Rhein und dem Topmodell, mit dem er seit zwei Jahren liiert ist. Der Ärger wächst als Heinz antwortet: “Eine Bank habe ich auch, direkt gegenüber vom Finanzamt. Da sitzt es sich herrlich, wenn meine Frau und ich Mittagspause machen. Und ein solides Schloss, mit dem ich meine Schreibtischschublade abschließe, seit bei uns eingebrochen wurde, das braucht man heutzutage.“

 

Thomas schnappt nach Luft. So ein Ignorant ist ihm noch nicht begegnet. Wenigstens kann er bei dem Modell nicht mithalten.

 

Da sagt Heinz schon: „Und was die Modelle angeht, da habe ich etwa 120 Modellautos. Schön in einer Glasvitrine, das macht echt etwas her. Mensch, vielleicht können wir uns treffen und du zeigst mir deine Modelle.“ Thomas ist kurz vorm Platzen. Zum Glück treffen in diesem Augenblick die anderen Mitschüler ein und umringen die beiden Männer sofort. Thomas geht Heinz für den Rest des Abends aus dem Weg und die Freude an seinem Erfolg ist ihm vermasselt. Heinz hingegen trinkt mit jedem ein Bierchen und freut sich darüber, dass ihm heute noch so viele für seine Mathe-Nachhilfe danken.

 

 

 

Wieder eine Episode aus den Schmunzelgeschichten „Aber bitte mit Marmelade“ aus dem Verlag an der Ruhr

 

 

 

Gefunden von Heike Ritter