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Der Zahnarzt

Autor: Eugen Roth                                                                                                                                                eingesandt von Chris Gonska

 

Chris G.: "Der Zahnarzt" ist mein Lieblingsgedicht und ist mit einer Episode meiner Kindheit verbunden. Als 12jährige mit angebrochenem rechten Arm war eine Strafstunde nach dem Schulunterricht angesagt. Grund: Störung im Unterricht! 

 

Ich dachte, dass da eine "faule" Stunde für mich anstehen würde. Ich dürfte bestimmt ein Buch lesen.  Aber mitnichten, ich sollte mir ein Gedicht aussuchen und auswendig lernen, mindestens 1 Seite Länge sollte es haben. Den "Zahnarzt" hatte ich als Zeitungsausschnitt in der Heftinnenklappe des Deutschheftes eingesteckt und ich lernte wie folgt:

 

Der Zahnarzt  von Eugen Roth

 

 

Nicht immer sind bequeme Stühle
Ein Ruheplatz für die Gefühle.
Wir säßen lieber in den Nesseln,
Als auf den wohlbekannten Sesseln,
Vor denen, sauber und vernickelt,
Der Zahnarzt seine Kunst entwickelt.
Er lächelt ganz empörend herzlos
Und sagt, es sei fast beinah schmerzlos.
Doch leider, unterhalb der Plombe,
Stößt er auf eine Katakombe,
Die, wie er mit dem Häkchen spürt,
In unbekannte Tiefen führt.
Behaglich schnurrend mit dem Rädchen
Dringt vor er bis zum Nervenfädchen.
Jetzt zeige, Mensch, den Seelenadel!
Der Zahnarzt prüft die feine Nadel,
Mit der er alsbald dir beweist,
Daß du voll Schmerz im Innern seist.
Du aber hast ihm zu beweisen,
Daß du im Äußern fest wie Eisen.
Nachdem ihr dieses euch bewiesen.
Geht er daran, den Zahn zu schließen.
Hat er sein Werk mit Gold bekrönt.
Sind mit der Welt wir neu versöhnt
Und zeigen, noch im Aug die Träne,
Ihr furchtlos wiederum die Zähne:
Die wir – ein Prahlhans, wer‘s verschweigt –
Dem Zahnarzt zitternd nur gezeigt.

 

Am nächsten Tag im Deutschunterricht wurde ich aufgefordert, das Auswendiggelernte aus der Strafstunde vorzutragen. Ehrlich gesagt, ich tat es mit Vergnügen, denn ich wußte im Vorhinein, die Lacher wüde ich auf meiner Seite.

Unsere Lehrerin stellte fest: "Dies Gedicht stand nicht in dem Band, den ich Dir gab. Fazit: Ich werde beachten müssen, dass das Nachsitzen nicht zum Vergnügen ausartet."

 

 

Der Zahnarzt . . .

 

. . . ist mir deshalb unvergeßlich geblieben und hat im Laufe meines Lebens für so manchen Schmunzler gesorgt.